Offene Herzen hinter mächtigen Mauern in Weitersroda

Offene Herzen hinter mächtigen Mauern in Weitersroda

Ein verfallenes Schloss in Südthüringen wird zum Leben erweckt

„Als Kabarettist und Poet gehört der Prinz zur ersten Garde. Er ist blitzgescheit und ein grundsympathischer Mensch, mit Herz und Geist und Witz und Haltung.“ Der Liedermacher, Sänger, Schauspieler und Autor Konstantin Wecker hat einst so „Prinz Chaos II.“ geadelt, der mit bürgerlichem Namen Florian Ernst Kirner heißt – den Paradiesvogel, Ökofreak, Kabarettisten, Musikus und Schlossherren. Lässig hat der an einem Freitag im Juli im Gartenstuhl Platz genommen, die Beine überschlagen. Kirner „thront“ vor einer großen Bar, die er Hendekagon (Elfeck) nennt. Die ist im Schlosshof erhöht aufgebaut und gewährt so einen Rundumblick auf sein Reich, auf das Schloss aus dem 15. Jahrhundert. Hier in Weitersroda, nahe Hildburghausen, in dieser märchenhaft schönen Anlage mit gut vier Hektar Garten zwischen Thüringen und Bayern residiert Prinz Chaos II.

Geschäftiges Treiben herrscht.

Kirner teilt seinen Herrschaftssitz mit knapp einem Dutzend Mitbewohnern. Die einen wuseln durch Gärten, die Werkstatt, die Küche, andere machen ein Nickerchen unterm Kastanienbaum. Für einen Besucher wirkt Weitersroda wie ein alternatives Wohnprojekt, eine vegane WG von Nachhaltigkeitsfans und Gärtnern oder wie eine (Überlebens-)Künstlerkolonie. Seine Schloss-WG im Blick, strahlt Kirner eine tiefe Zufriedenheit und Selbstsicherheit aus. Eine Entspanntheit, die nur die Menschen haben, die angekommen sind. Die ihren Weg gefunden haben, der sie zu ihrem Ziel führt. Als er davon erzählt – dabei mit den Händen seine Worte untermalt – fallen goldglitzernde Fingernägel ins Auge. Ein erstes Indiz, dass er ein Paradiesvogel sein könnte.

Er entstammt einer Münchner Künstlerfamilie, ist Urenkel der berühmten Kabarettisten Theo Prosel und der Opernsängerin Julia Prosel. Kein Wunder, dass ihn die Muse schon in der Wiege küsste, er deshalb Gitarre, Mandoline und Thüringer Waldzither lernte. Mit 21 Jahren verließ Florian Kirner 1996 München. Lebte fünf Jahre in Hamburg, später in Berlin und Tokio. Studierte anglo-amerikanische Geschichte, mittlere und neuere Geschichte und Japanologie in Köln. „Nach so vielen Jahren in Großstädten war ich satt. Ich hatte das Bedürfnis nach Natur. Ich mochte die zentrale Mitte Thüringens, den Thüringer Wald“, erzählt er. So jobbte er, um Geld für seinen Traum zu sparen. Den Traum von einem eigenen Schloss, einer eigenen Burg. Schon als Kind war er von solch adligen Behausungen fasziniert, erfand lange, bevor er das Schloss Weitersroda auf einer Immobilienplattform entdeckte, die Kunstfigur Prinz Chaos II..

Im November 2008 kam ich hier an.

„ Alles war grau, matschig, ungenutzt, lieblos. Aber ich hatte ein gutes Gefühl für diesen Ort. Ich fühlte mich geborgen, glaubte an einen Kraftort und spürte, dass dies kein Katastrophenhaus ist“, erinnert sich der stattliche 1,93 Meter messende „Junge Wilde vom Wecker“, wie ihn Journalisten einst nannten. „Ich erkannte sofort die Herausforderung, die dieses Schloss für mich bedeuten würde.
Mit einem Sachverständigen analysierte ich alle Schäden: Der Hausschwamm war noch im Anfangsstadium, ein Giebel musste dringend gerettet werden, Dachrinnen fehlten und die Elektrizität wurde erneuert. Entscheidend für mich jedoch war, dass ich sofort darin wohnen könnte.“ Auch wirtschaftlich passte es. Den Kaufpreis von 71.500 Euro fand er angemessen. Die 37.100 Fördermittel aus kommunalen Zuschüssen und von der Denkmalpflege waren willkommen und flossen in erste Sanierungen.

Anfangs arbeitete er bis zur körperlichen Erschöpfung.

Die viele Schlepperei nahm ihm aber seine Bandscheibe übel und Kirner musste daher das Projekt ruhiger angehen. Setzte auf gemächliches Werden und eine solide Grundlage, denn „das Wachstums- und Wohlstandsmodell liegt mir nicht“. Das sei seine Antwort auf die Krise, die sich in großen Ballungszentren anbahne. „Ländliche Räume haben so viel Potenzial und müssen sich nicht verstecken.“

Kirner kam nicht mit einem fertigen Konzept.

„Ich öffnete lediglich einen Raum, stellte ihn zur Verfügung“. Zum Beispiel für Mitbewohnerin Petra: Sie wollte Käse herstellen, dafür auf den zentralen Weideflächen in der Schlossaue Kühe halten.

Zunächst wurde die Dexterkuh „Hörnchen“ angeschafft und später durch ein erfolgreiches „Cowfunding“ die Kuh „Leonie“ finanziert. Deren Nachwuchs sichert den Fortbestand. Hühner gackern seither hier und sich Ziegen anzuschaffen, ist ein Plan. Alles mit dem Ziel der Selbstversorgung.

Ökologische Landwirtschaft und Nachhaltigkeit leben der Prinz und sein alternativer Hofstaat auf hohem Niveau: Daniel Frank und Melanie Arnold legten 2015 einen Permakultur-Garten an. Permakultur bedeutet, die vorhandene Wildnis zu analysieren und zu nutzen, sodass der entstehende Garten sich selbst entwickeln, menschlicher Eingriff weitgehend ausbleiben kann. Ein Erdbeerfeld, ein Stangenwald für Bohnen, ein 110qm-Gewächshaus, ein Hochbeet, ein Hügelbeet, Frühbeetkästen sowie diverse Beerensträucher und ein Kräuterbeet zeugen vom vitalen Werden, sind ein beachtlicher Erfolg. Zudem steht im Permakulturgarten eine zentrale Kompoststraße – und die Zisterne der ehemaligen Brauerei, die 54.000 Liter Regenwasser fasst.

Haus- und Hofgärtner ist Rainer Zierer.

Der studierte in Weihenstephan Gartenbau, brachte anschließend das alternative Urban-Gardening-Projekt „o’pflanzt is!“ in München mit auf den Weg. Zierers traditionelles gärtnerisches Wissen und die wissenschaftlich fundierten Grundlagen haben nicht kurzfristigen Profit im Blick, sondern nachhaltiges Wirtschaften. „Die Natur lebt mit sich in Einklang, lässt Pflanzen nebeneinander wachsen und gedeihen, die sich bedingen und unterstützen.“ Was wächst, wird zur Selbstversorgung und zum Verkauf genutzt.

Die illustre und so gar nicht aristokratische Gesellschaft auf Schloss Weitersroda möchte wachsen, so nachhaltig und natürlich wie ihr gärtnerisches Idyll. Raum für weitere Konzepte und Ideen stehe ausreichend zur Verfügung. Dem Prinzen gefiele ein vegetarisches Gastronomieprojekt mit Biergarten, einem historischen Gast- und einem Veranstaltungsraum und einer Küche, die die Gartenprodukte in gesunde Gerichte ohne Fleisch verwandelt. Schon heute wird die Kulturkneipe „Simplicissimus“ mit Schankraum und Veranstaltungssaal für Lesungen, Vorträge, Filmabende und kleinere musikalische Darbietungen genutzt.

Zwei kleine Häuschen auf dem weitläufigen Areal könnten ausgebaut werden und ein großes, noch verfallenes Gebäude gegenüber dem Schloss bietet Raum für individuelle Konzepte.

Auch im Schloss selbst gibt es noch Wohnraum für mindestens fünf Personen. „Das Interesse ist mittlerweile groß. Schließlich schaut es hier auch nicht mehr so verfallen aus wie vor knapp zehn Jahren. Demokratisch entscheiden wir gemeinschaftlich, wer zu uns passt. Unser Hoftor ist zwar stets offen. Dennoch ,trauen’ sich manch Neugierige nicht herein. Es ist daher immer wieder spannend zu beobachten, wer den Weg zu uns findet“, so Kirner.

Hier lebe er vor allem mit einem Menschenschlag, dem er früher nie begegnet wäre: „Landmenschen sind viel pragmatischer, geerdeter. Man ist sich näher und mehr miteinander. Und ich lernte hier auch, wie man mit Differenzen umgeht.“ Kirner meinte damit Vorfälle vergangener Tage, die 2012 sein „2. Paradiesvogelfest“ überschatteten. Damals eskalierte es, ging das Auto eines Musikers in Flammen auf. Dem vorausgegangen sei eine regelrechte Hetzjagd in den sozialen Medien.

Doch auch damals fand Kirner Unterstützung bei seinem Freund Konstantin Wecker.

Aber ans Aufgeben habe er nie gedacht. „Im Gegenteil: Insbesondere das Paradiesvogelfest ist jetzt eine feste Größe im Dorf.“ An jedem letzten Wochenende im Mai treffen sich dazu tausende Besucher auf Schloss Weitersroda zu einem ausgefallenen Liedermacher-Festival. Hier gibt es nämlich neben Musik auch Kunsthandwerk, zirzensische und literarische
Angebote.

Solche Veranstaltungen, so der Musikus und Lebenskünstler, sollen ein Standbein des Schlosses sein.

Kirner schweben auch begleitend dazu Workshops und ein Weihnachtsmarkt vor; Folksessions und ein Krimidinner gibt es bereits. Kirner hat das Schloss wieder beseelt, hat es in der Gegenwart ankommen lassen. Deshalb seien auch Technikbegeisterte hier herzlich willkommen, wurden Glasfaserkabel und Netzwerkdosen verlegt. „Auch für uns ist eine solche Infrastruktur und Anbindung wichtig.“ Und gäbe es nicht den Denkmalschutz, wären auch Solaranlagen auf den Dächern längst realisiert. 470 Quadratmeter Süddach böten sich förmlich dafür an. Was sagte doch Wecker über den unprätentiösen Prinzen? „Er ist blitzgescheit und ein grundsympathischer Mensch, mit Herz und Geist und Witz und Haltung.“ Ihnen und seine Getreuen kennenzulernen, ist ganz gewiss eine Erfahrung, die man nicht mehr missen mag.