Für Joop und Guido Maria Kretschmer: Mode aus dem Eichsfeld

Für Joop und Guido Maria Kretschmer: Mode aus dem Eichsfeld

Strickmanufaktur Zella mit immer mehr eigenen Kollektionen

In der Strickmanufaktur in Zella, einem kleinen Ort im Eichsfeld, werden schon seit fast 100 Jahren Strickjacken und Pullover produziert.Doch inzwischen wandelt das Unternehmen sein Image und aus der Strickfabrik wird nicht nur ein attraktives, kreatives Modelabel, sondern auch eine Innovationsschmiede. Kleidungsstücke, die Handys bedienen und Strick, der nicht nur wärmt, sondern auch kühlt – all das kommt aus Zella.

„Hier, fühlen Sie mal“,

sagt Gottfried Betz und nimmt eine schlichte, dunkelblaue Strickjacke vom Bügel. Schmal geschnitten, im Rippenmuster mit silbernem Reißverschluss – eine Strickjacke eben. Doch das Gewebe fühlt sich kühl an, viel kühler als Strickwaren normalerweise sind. „Das ist eine Faser, die das Thüringische Institut für Textil- und Kunststoffforschung zusammen mit uns entwickelt hat und die wie eine textile Klimaanlage wirkt“, erklärt der promovierte Physiker.

Betz übernahm 2005 die insolvente Strickmanufaktur Zella GmbH & Co. KG im Eichsfeld und etablierte neben der traditionellen Produktion von Strickkleidung, die auch heute noch das Hauptgeschäft bildet, die Forschung an neuen, innovativen Fasern und Technologien.

Die Smools-Technologie ist bereits marktreif und wird in Kleidungsstücken eingesetzt – wie in der Strickjacke, die vor Betz auf dem Tisch liegt und sich unerwartet kühl anfühlt.

Verarbeitet wird dabei nicht nur eine reine Wollfaser, sondern ein Gemisch, dem auch Zellulosefasern, also Zellstoff, beigemischt ist.

Diese Zellulosefaser hat Hohlräume, die man durch ein bestimmtes Verfahren füllen kann – zum Beispiel mit Paraffin, einem Wachs. Das kommt für die Smools-Technologie zum Einsatz. Es schmilzt bei Wärme und erstarrt bei Kälte. „Wenn ein Material zwischen fest und flüssig wechselt, entsteht oder verschwindet dabei immer auch Wärme“, erklärt der Unternehmer. „Das ist wie mit Eis: Schmilzt es, nimmt es die Wärme aus der Umgebung auf. Wenn es wieder erstarrt, gibt es Wärme ab.“ Genauso funktionieren auch die Smools-Fasern: Ist dem Jackenträger warm, steigt also die Temperatur seiner Haut, schmilzt das Paraffin in den Zellulosefasern und nimmt die Wärme auf. Auf der Haut wirkt das kühlend.

Jacken, Röcke, Socken oder Kindermützen aus dieser Faser haben die etwa 30 Mitarbeiter bei Strick Zella schon produziert

Viele andere Hersteller sind an der Technologie interessiert, aber auch in den eigenen Kollektionen findet sie Verwendung.

Dabei sah es zunächst nicht danach aus, als könnte Strickmode aus dem Eichsfeld noch mal zu einem Erfolgsmodell werden.

1920 als „Strickwarenfabrik Leonard Mai“ gegründet, produzierte das Unternehmen zunächst Pullover und Jacken für Herren. Zu DDR-Zeiten verstaatlicht, übernahm nach der Wende ein Erbe des Gründers das Werk, doch die Konkurrenz auf dem Weltmarkt war übermächtig. „Fast 90 Prozent unserer Produktion waren damals Lohnarbeiten“, erinnert sich Betz an seine Anfänge in Zella. Das Unternehmen produzierte Strickwaren also nicht für die eigenen Kollektionen, sondern im Auftrag fremder Designer und Marken. Die fanden aber Anfang der 2000er-Jahre günstigere Produzenten im Ausland.

Deshalb krempelte Betz die Produktion nach der Übernahme Stück für Stück um.

„Wir produzierten weiter als Lohnfertiger – teilweise für große Designer wie Joop oder Guido Maria Kretschmer, die zu schätzen wussten, dass wir sowohl im Material wie in den Arbeitsbedingungen unserer Mitarbeiter hohe Standards anlegen. Aber wir begannen gleichzeitig, unsere eigenen Kollektionen auf- und auszubauen.“ Heute haben sich die Vorzeichen umgekehrt: Noch knapp 10 Prozent der Produktion läuft in Zella für fremde Hersteller von den Maschinen, den weit größeren Teil stellt die Herstellung der Kleidung für die beiden eigenen Marken „Mia Mai“ und „Leonard Mai“ – ein Damen- und ein Herrenmodelabel.

Gut 1,5 Millionen Euro Jahres-Umsatz erwirtschaftet das Unternehmen derzeit.

Zehnmal mehr als im Jahr der Übernahme. Etwa sechs Millionen sollen die beiden Modemarken in spätestens drei Jahren jährlich einbringen. „Viel mehr wird nicht gehen, dann ist der Markt gesättigt“, glaubt Gottfried Betz. Doch ein Grund zur Sorge sei das für ihn nicht, denn die Modemarken sind momentan zwar noch der Haupt-, aber bei weitem nicht der einzige Geschäftszweig. Das größte Zukunftspotenzial sieht Betz in sogenannten smarten Textilien, die kabellos elektrische Geräte steuern. Das ist ein Feld, auf dem die kleine Manufaktur aus Zella mit ihren wissenschaftlichen Partnern in direkter Konkurrenz zu den Branchenriesen wie Google stehen. „Das sind aber Technikkonzerne, die haben von Textil keine Ahnung!“, meint er selbstbewusst.

Statt Schalter und Taster in fertige Stoffe ein- oder aufzunähen, stellt er sie in der Strickerei selbst her:

Sie werden aus Garn gestrickt, enthalten kein Metall und müssen damit vor dem Waschen auch nicht entfernt werden. „Das geht so nur mit Strickware, weil eine Strickmaschine sozusagen wie ein 3D-Drucker für Textilien funktioniert. Wir können jede Masche einzeln programmieren, ihre Form, Größe oder Dicke individuell bestimmen.“ So entstehen die Schalter im Ärmelbündchen oder am Ellenbogen direkt aus dem Faden, der auch das restliche Kleidungsstück herstellt – so wie sonst Taschen oder Muster eingestrickt würden. Verbunden sind die Schalter mit einer kleinen Leiterplatte, die wasserdicht verpackt im Kleidungsstück sitzt und ebenfalls einfach mitgewaschen werden kann. „So kann ein Radfahrer, wenn sein Handy während der Fahrt klingelt, einfach auf den Schalter im Ärmel drücken, um eine SMS mit Abwesenheitsnotiz verschicken“, erklärt Betz. Auch als Fernbedingung für Türen oder medizinische Geräte, die Behinderten das Leben erleichtern, kann diese Technologie dienen, wenn sie marktreif ist.

Das werde noch sechs oder sieben Jahre dauern, schätzt Betz.

„Wenn die Wissenschaftler mit der Forschung fertig sind, fängt für uns die Arbeit erst an. Die größte Herausforderung bei solchen Innovationen ist, sie zu einem zuverlässig funktionierenden, robusten Produkt zu machen, das den Alltag unserer Kunden mitmacht, ohne sie einzuschränken. Ein Kleidungsstück, das gewaschen und getrocknet werden kann, eine Faser, die man färben kann und die nicht pillt, also keine Knötchen bildet.“ Bis das geschafft sei, sei viel Zeit – und Geld – nötig.

Das aber werde in Deutschland nur sehr zurückhaltend in die Textilbranche investiert.

„Wenn Sie hier eine Maschine oder eine App erfinden, finden Sie schnell Geldgeber. An das Textilgewerbe will aber niemand ran“, klagt Betz. Dabei könnte die Branche mit größeren Investitionen schnell traditionelle Modeländer wie Frankreich oder Italien überflügeln, ist er sicher. „Wir haben hier noch eine handwerkliche Tradition, die in vielen Ländern längst verloren gegangen ist. Wir produzieren hier in einer Qualität, die der echter Luxusmarken entspricht, können die Kleidung aber deutlich günstiger anbieten“, sagt Betz und betont, dass das nicht nur für seinen Betrieb gelte. Mit Strickereien in Mühlhausen und Apolda arbeitet er seit Jahren zusammen, lässt dort produzieren, wenn seine Kapazitäten ausgelastet sind und die Qualität sei immer erstklassig. „Wenn wir es uns leisten könnten, unsere Kollektionen ein paar Jahre lang direkt in Mailand, Paris und New York anzubieten, wäre der Durchbruch fast sicher.“ Berlin dagegen, wo die Mode aus Zella gerade erst auf der Fashion Week präsentiert wurde, sei für die Branche und vor allem für den Absatz kaum relevant.

Dass er seine Mitarbeiter trotzdem regelmäßig nach Berlin schickt, hat andere Gründe:

Sie sollen dort und in den anderen kreativen Zentren Deutschlands Inspirationen sammeln. Das kreative Umfeld sei das einzige, was in Zella fehle, urteilt Betz. Ansonsten sei der Standort perfekt – auch wenn auf der kleinen Straße, die in den Ort führt, kaum zwei Autos aneinander vorbei passen und in der Nähe weder ein Flughafen noch ein ICE-Bahnhof liegt. „Wir liegen mitten in Deutschland. Von hier aus kann man in jede Ecke des Landes reisen – und zurückreisen, ohne eine Übernachtung buchen zu müssen. Das macht das Eichsfeld logistisch zu einem hochinteressanten Standort.“ Und sei ein Grund dafür, warum er die Produktion nicht in eine der Metropolen verlegt habe. Der andere: „Hier war die Infrastruktur, die ich brauchte, um sofort loszulegen, schon vorhanden. Der Maschinenpark war da, die Dampferzeugungs- und Druckluftanlagen und es gab ein großes Freigelände, auf dem wir das Unternehmen bei Bedarf erweitern konnten.“

Kreation und Produktion sitzen in Zella direkt nebeneinander.

Das sei unerlässlich für hochwertige Strickwaren. „Wir arbeiten ja nicht mit fertigen Stoffen, die wir dann nach unseren Designs zuschneiden. Wir machen den Stoff. Ebenso wie das Design und alles andere bis zum fertigen Kleidungsstück. Das bietet tolle, kreative Möglichkeiten, ist aber auch anfällig für Fehler. Deshalb müssen Designer und Strickproduktion eng zusammenarbeiten.“ Und auch wenn die Produktion in Deutschland zunächst teurer scheine, biete sie Vorteile: „Wir arbeiten ausschließlich mit sehr hochwertigen Garnen. Würden wir die im Ausland verarbeiten lassen, müssten wir pro Produkt mindestens 1.000 Stück oder mehr abnehmen. Gerade bei unseren innovativen Fasern und besonderen Kollektionsteilen verkaufen wir aber am Anfang nicht so viel. Hier in Thüringen können wir auch Kleinstmengen produzieren.“

Allmählich bekommt Strickmode aus Thüringen wieder das Image, das sie verdient.

„Früher würdigten uns die Kunden kaum eines Blickes, weil unsere Produkte als langweilig und altbacken abgetan wurden. Doch das ändert sich“, sagt Betz und zeigt noch einmal auf die schlichte, dunkelblaue Strickjacke mit den innovativen, kühlenden Fasern. „Käufer sind anspruchsvoll.“ Erfolgreich sei man nur dann, wenn es gelinge nachhaltiges, sozial verantwortungsbewusstes Produzieren sowie kreatives, modernes Design und Innovationen unter einen Hut zu bringen.

Autorin + Fotografin: Anita Grasse