Maler, Märkte und Millionen

Maler, Märkte und Millionen

Kristian Jarmuschek fordert mehr Freiräume für Künstler in Thüringen

Den Kunstmarkt kennt er wie nur wenige in Deutschland, seine Expertise ist gefragt. Seit 2013 ist Kristian Jarmuschek Vorsitzender des Bundeverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler (BDVG) mit Sitz in Berlin. „Kunst ist mein Leben“, sagt der 1972 in Erfurt Geborene. Schon als Kind hat er Kunst gesammelt, damals aber noch in Form von Kunstpostkarten, die er flächendeckend in seinem Zimmer collagierte. Zu DDR-Zeiten war das Kinder- und Jugendtheater in Erfurt, aus dem die heutige SCHOTTE hervorgegangen ist, seine künstlerisch-kreative Welt. Seit 2000, nach seinem Studium an der Humboldt-Universität in Berlin, organisiert Jarmuschek Ausstellungen in Berlin, seit 2004 betreibt der verheiratete Vater von drei Mädchen dort die Galerie „Jarmuschek+Partner“. Nach dem Start in der Sophienstraße und der Station in der von ihm initiierten „Halle am Wasser“ befindet sich seine Galerie heute im vormaligen Atelier von Anton von Werner auf dem ehemaligen Tagesspiegel-Gelände in der Potsdamer Straße. Seit 2014 veranstaltet er die jährlich im Rahmen der Berlin Art Week stattfindende Messe POSITIONS Berlin Art Fair. Im Interview beschreibt der Galerist die Perspektiven und Herausforderungen des Kunstmarktes im Osten Deutschlands und speziell in Thüringen.

Herr Jarmuschek, welche Kontakte haben Sie noch nach Thüringen?

Ich bin fest in Thüringen verwurzelt. Meine Eltern und der Großteil meiner Familie lebt hier, ich habe in Thüringen viele Freunde, besonders in der Kulturszene. Neben Erfurt bin ich sehr oft in Weimar, denn in meiner Galerie stelle ich regelmäßig Absolventen der Bauhaus-Universität aus.

Wie schätzen Sie generell die Qualität der thüringischen Kunstszene ein?

Traditionell ist das Thüringer Kulturverständnis aufgrund der hohen Zahl von Baudenkmälern wie der Wartburg in Eisenach, dem Schloss Friedenstein in Gotha oder Goethes Gartenhaus in Weimar auf die Vergangenheit gerichtet. Demgegenüber hat es die zeitgenössische Kunst oft schwer, die gebührende Aufmerksamkeit zu finden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das völlig anders. Gerade in Thüringen gab es viele Mäzene, die sich persönlich für Förderung heute so weltweit bekannter Künstler wie Heckel, Kirchner oder Feininger engagiert haben. Oder denken Sie an das Weimarer Bauhaus, in dessen ästhetischen Einfluss wir uns heute immer noch bewegen.

Worin manifestierte sich das?

Um sich ein Bild von dieser lebendigen, damals zeitgenössischen Kunstszene zu machen, lohnt der Blick in das Gästebuch der jüdischen Unternehmerfamilie Thekla und Alfred Hess. Das Buch, das unter dem Titel „Dank in Farben“ veröffentlicht wurde, enthält Zeichnungen, Gedichte und Widmungen und liest sich wie das „Who is Who“ der damaligen Zeit. Sie besaßen Anfang der 30er Jahre rund 80 Ölgemälde und über 200 Zeichnungen von Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, August Macke, Erich Heckel, Emil Nolde, Lyonel Feininger, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Christian Rohlfs, James Ensor, Otto Mueller, Wilhelm Lehmbruck und Paul Klee.

In den Jahren der DDR kam es also zum Niedergang der Kunstszene in Thüringen?

Der Niedergang hatte natürlich seine Ursachen in dem zerstörerischen Wirken der Nazionalsozialisten und dem zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg stellte man sich in der DDR Kunst als eine den gesellschaftlichen Prozess gestaltende Funktionseinheit vor. Künstler, die nicht dem sozialistischen Realismus verpflichtet waren, wurden kritisiert, nicht ausgestellt und in ihrem künstlerischen Schaffen behindert. Von einer Freiheit der Kunst im heutigen Sinne oder einem Wettbewerb der künstlerischen Idee konnte öffentlich nicht die Rede sein. Wahrnehmbar war die zeitgenössischen Kunst vor allen in den Zentren Berlin, Leipzig und auch Dresden.

Weil der Staat das Kulturleben bestimmte …

… trotzdem gab es in den 1980er Jahren in Thüringen eine neue subkulturelle Kunstszene, vor allem in Jena, Erfurt und Weimar, mit eigenen Ausstellungsräumen und Ateliers. Auch gab es mit der Internationalen Quadriennale des Kunsthandwerks in Erfurt ein regelmäßiges Format, welches heute allerdings eingestellt ist.

Berlin und Leipzig vorneweg. Das ist doch heute in der Kunstszene der neuen Bundesländer nicht anders. Wo findet da Thüringen seinen Platz?

Thüringen stehen alle Türen offen! Wenn mehr Orte für den künstlerischen Diskurs geschaffen werden, siedeln sich auch spannende zeitgenössische Künstler an. Es muss eine Basis für die Entwicklung geschaffen werden. Die Rahmenbedingungen können auf politischer Ebene genauso wie auf gesellschaftlicher verbessert werden. In unserer digitalisierten Welt braucht es analoge Orte, an denen laut gedacht, konzeptionell gearbeitet und Kunst geschaffen werden kann.

Davon gibt es doch welche in Thüringen …

… aber nur sehr wenige, wie beispielsweise das ACC in Weimar, das Kunsthaus und die Kulturfabrik in Apolda oder der Kunstverein und das Kunsthaus in Erfurt. Bedauerliche Tatsache ist jedenfalls, dass sehr viele Absolventen der Bauhaus-Universität Thüringen verlassen, sobald sie ihr Studium beendet haben und nach Leipzig oder Berlin gehen. Damit verliert Thüringen große künstlerische Kreativität und auch Wirtschaftskraft.

Die gebürtigen Sachsen Gerhard Richter und Georg Baselitz kennt jeder. Wer sind denn heute Thüringens bedeutendste Künstler?

Den Spitzenplatz in der öffentlichen Wahrnehmung belegt sicher der Erfurter Maler Michael Triegel, der heute in Leipzig lebt und dort in der alten Baumwollspinnerei neben vielen anderen Malern sein Atelier hat. 2010 schuf Triegel ein großartiges Porträt von Papst Benedikt XVI.

Die Leipziger Baumwollspinnerei mit ihren Frühjahrs- und Herbstrundgängen zieht Kunstfreunde aus der ganzen Welt an. Aber die Zeiten, in denen während der Rundgänge auf dem Leipziger Flughafen etliche Privatjets kunstverständiger und sammelwütiger Multimillionäre parkten, sind vorbei. Ist die Kunstkarawane auf der Suche nach dem nächsten exklusiven Malerparadies weitergezogen?

Nein, die Karawane ist nicht weitergezogen, das Verhalten der Kunstkäufer hat sich radikal verändert. Noch vor der Krise des Finanzmarktes haben Sammler in die Zukunft investiert und waren neugierig auf junge Künsler, noch unentdeckte Talente.

… und heute?

Heute sucht vor allem das Geld sichere Anlagenmöglichkeiten, und da kommen Künstler ins Spiel, die eine „Marke“ sind und einen über Auktionsergebnisse abgesicherten Marktwert aufweisen. Einen Gerhard Richter zu kaufen, verheißt eine relative Sicherheit bei einem zukünftigen Wiederverkauf, aber junge Künstler, deren künstlerische Karriere im Werden und ihr Marktwert noch unbestimmt ist, haben es immer schwerer, Käufer zu finden.

Da bleibt im Osten bald nur noch Berlin als Kunstmetropole!

Natürlich gilt im Osten die alte Rangfolge des Kunstbetriebs: Berlin, danach mit Abstand Leipzig und dann lange nichts, bevor dann Dresden, Halle, Erfurt und Weimar folgen. Aber Berlin hat dieselben Probleme wie Leipzig. Es gibt zwar einen Hype um die Hauptstadt und ihre Kreativen, aber der bezieht sich mehr und mehr auf den Immobilienmarkt, das heißt auch: die Mieten steigen exorbitant. Ateliers und Galerieräume in der Innenstadt werden unerschwinglich. Als Konsequenz schließen mehr Galerien als neue eröffnen und der Zuzug von Künstlern in die Hauptstadt ist auch weitgehend gestoppt.

Für Sie ist es keine Option, eine Galerie in Erfurt zu eröffnen?

Ich glaube nicht, dass es für die Kunstszene in Thüringen zum jetzigen Zeitpunkt nützlich wäre, eine Galerie zu eröffnen, abgesehen von der großen wirtschaftlichen Herausforderung, die ein solcher Schritt bedeuten würde. Künstler wollen mit ihrer Kunst sichtbar sein, sie wollen, dass Menschen sich damit beschäftigen. Wir brauchen spannende Orte für einen solchen Diskurs. Das alte Heizwerk könnte ein solch spektakulärer Ort sein. Mein Vorschlag ist seit langem, das alte Heizkraftwerk neben der Erfurter Oper zu einem Kunstzentrum vergleichbar mit der Leipziger Baumwollspinnerei zu machen.

… und woran scheitert das?

Die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) träumt immer noch davon, dass irgendein Investor ihr das Gebäude für sehr viel Geld abkauft. Das scheint aber nicht zu gelingen, das Gelände liegt brach, auch angesichts der Kosten, die bei einer Ertüchtigung des Gebäudes entstehen würden. Was also tun? Warum dort nicht einen Freiraum für Kreativität schaffen, also mit den Künstlern einen Ort mit Strahlkraft entwickeln. Die Absolventen der Bauhaus-Universität bleiben in Thüringen und auch andere Kreative und Start-ups würde ein solcher Ort anziehen, nach Thüringen zu kommen. Erfurt braucht einfach diesen Ort für Künstler, der es ihnen ermöglicht, weit über die Region hinaus sichtbar zu werden.

Wer könnte oder sollte denn wie viel Geld in ein solches Projekt stecken? Das Land? Die Stadt? Kunstmäzene? Spender?

Getragen kann ein solcher Ort über eine Mischkalkulation werden, dass ist sehr gut vorstellbar. Die Grundlage für eine solche Nutzung sollte natürlich zu einem großen Teil vom Land getragen werden, es ist eine Investition in den Kulturstandort und die Zukunft Thüringens.

Welches Spektrum sollte die Nutzung umfassen?

Eine mögliche Bespielung ist leicht skizziert: Es gibt Ausstellungsund Veranstaltungsflächen, Atelier- und Studioräume, es gibt Platz für Gastronomie und andere Akteure, die sich im Umfeld der Kreativen wohlfühlen. Ich weiß um viele Ausstellungen, die nach einem attraktiven Ausstellungsort suchen, Sammler, die gerne ihre Schätze mit den Besuchern teilen würden und natürlich könnte man jährlich den Absolventen der Bauhaus-Universität ein Forum bieten.

Einen Freiraum für Kreative schaffen… was kann und sollte man noch tun?

Die Sichtbarkeit der Künstler außerhalb Thüringens fördern. Wie schon erwähnt, beauftrage ich beispielsweise alle zwei Jahre eine junge Kuratorin eine Gruppe von verheißungsvollen Absolventen der Bauhaus-Universität auszuwählen. Diese Auswahl an Künstlern präsentiere ich dann in meiner Galerie. Darüber hinaus zeigt die Galerie „Marke.6“ jedes Jahr die Preisträger des Grafe-Kreativpreises im Rahmen der POSITIONS Berlin Art Fair. Mehr solcher Initiativen würden es möglich machen: „In Thüringen leben, in der Welt erfolgreich!“

Mangelt es generell im Osten an Kunstmäzenen und kapitalstarken Sammlern?

Das ist auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der DDR immer noch so. Allerdings wächst in den größeren ostdeutschen Städten allmählich wieder ein Bürgertum heran, das sich der Gesellschaft der eigenen Region verpflichtet fühlt und bewusst Kunst sammelt oder Kultur fördert. Aber es braucht noch einige Zeit, bis hier eine kapital- und gestaltungsstarke Sammlerschicht wie im Rheinland oder Baden-Württemberg entstanden sein kann.

Welche Rolle spielen für deutsche Galerien und Auktionshäuser Kunden aus den USA oder Asien?

Durch den regen kulturellen Austausch, nicht zuletzt in den letzten 70 Jahren, zwischen Nordamerika und Europa spielen Sammler aus den jeweils anderen Kontinenten historisch und aktuell für die Künstler und ihre Galerien eine wichtige Rolle bei der Gestaltung ihrer Karrieren, sowohl künstlerisch als auch kommerziell. In diesem Zusammenhang ist es immer noch etwas wirklich Besonderes, dass seit dem Mauerfall die Künstler in Deutschland eine solche internationale Wertschätzung und Aufmerksamkeit erfahren haben. Bei dem Agieren der Sammler und Galerien in China und Südostasien fällt besonders auf, dass neben den inhaltlichen Fragen der Kunst, vor allem auch die Perspektive des Wiederverkaufswertes ein Rolle spielt und daher die Auktionsergebnisse oft stärker gewichtet werden als Fragen der künstlerischen Konsistenz und kuratorischen Bewertung eines Werkes.

Der Kunsthandel gilt als einer der letzten kaum regulierten Märkte. Das muss doch Schwarzgeld anziehen!

Eine professionelle Galerie ist ein wirtschaftlich geführter Betrieb, der wie jedes Einzelhandelsunternehmen der Buchführungspflicht unterliegt. Eine Galerie zahlt betriebliche Steuern (Umsatz- und Gewerbesteuer; als GmbH auch Körperschaftssteuer) und muss beim Finanzamt jährlich eine Gewinnermittlung oder eine Bilanz einreichen. Hinzu kommen Sozialversicherungsbeiträge für Mitarbeiter. Eine Galerie wird also wie jedes andere Unternehmen nach den Grundsätzen des ehrbaren Kaufmanns geführt. Wie jede andere Branche in Deutschland läuft der Kunstbetrieb geordnet und reguliert. In keinem anderen Kulturzweig werden Künstler so paritätisch an den erzielten Umsätzen beteiligt wie im Kunstbetrieb. Ohnehin liegen die Belastungen für den deutschen Kunsthandel durch die Erhöhung der Umsatzsteuer auf 19 Prozent, durch Folgerecht und Beiträge für die Künstlersozialkasse gut 20 Prozent höher als im Rest Europas. Dass nun zusätzlicher Aufwand anfällt, ist durchaus bedrohlich.

Also ist der Markt schon überreguliert?

Jede Behauptung von der Nicht-Regulierung des Kunstmarktes ist reine Repetition einer uralten Behauptung. Mittlerweile ist das Gegenteil der Fall: Der Kunstmarkt ist – nicht zuletzt auch durch das neue Kulturgutschutzgesetz: überreguliert.

Seit Sommer 2016 beschlossen, wurde das neue Kulturgutschutzgesetz bereits in der Entstehung vor allen in den Medien heftig diskutiert. Von vielen Künstlern und Kunsthändlern ist Kulturstaatsministerin Monika Grütters dafür kritisiert worden. Welche Bilanz ziehen sie nach einem Jahr?

Neben den Künstlern und Kunsthändlern waren es vor allem die Sammler, die nicht zuletzt auch durch die unglückliche Vermittlung verunsichert wurden.

Aber was soll man von einem Gesetz halten, das wenig Nutzen erkennen lässt, eine exorbitante Bürokratie verursacht und seinen erklärten Zweck des Kulturguterhalts geradezu ins Gegenteil verkehrt?

Positiv ist zu beurteilen, dass sich im Laufe der Diskussionen und der Positionierung des Kunstbetriebes zu diesem Thema viele leidenschaftliche Sammler, Galeristen, Kunsthändler und Künstler zusammengeschlossen und gemeinsam ihre Stimme erhoben haben. Leider erfolglos, aber trotzdem positiv im Sinne einer selbstbewussten Kunstszene und eines kontroversen Austausches.

Welche Kunst sammeln Sie selbst, welche Künstler?

Da halte ich mich an Judy Lybke von „Eigen+Art“, den Galeristen des Leipziger Malers Neo Rauch, dem wohl derzeit bedeutendsten Maler Ostdeutschlands: „Traue keinem Galeristen, der selber sammelt, dann hängen die besten Werke an seinen Wänden und nicht in der Galerie.“ Ich sammle die Kunst, die mir gefällt und mit bestimmten Momenten meines Lebens verbunden ist. Unsere Wohnung in Berlin beherbergt viel Kunst, natürlich einiges von den Künstlerinnen und Künstlerin, die meine Galerie vertritt, die diese mir allerdings geschenkt haben: Carina Linge, Petra Lottje, Moritz Schleime, Oliver Gröne, Sabine Banovic, Michael Merkel, Carsten Weitzmann – um nur einige zu nennen. Ich sammle ausschließlich zeitgenössische Kunst, die mich berührt oder herausfordert und mit der ich leben möchte. Aber machen Sie sich keine Illusionen, dass ich allein entscheiden darf, welches Kunstwerk gekauft wird oder welchen Platz in der Wohnung es bekommt. Die vier Damen von meinem persönlichen Kunstbeirat wissen sehr genau, was sie wollen – und setzen sich meistens durch.

Interview: Bernd Hilder+ Fotografen: Carolin Saage, Marcel Krummrich