Insa- Consulere: Meinungsforschung in der Mitte Deutschlands

Insa- Consulere: Meinungsforschung in der Mitte Deutschlands

Insa-Consulere:

Ein junges Unternehmen aus Erfurt bringt bundesweit frischen Wind in den umkämpften Markt der Meinungsforschung. Emnid, Infratest Dimap, Forschungsgruppe Wahlen, Forsa oder das Institut für Demoskopie Allensbach, das sind seit Jahrzehnten die Platzhirsche der Branche. Doch seit einigen Jahren bekommen sie zunehmend Konkurrenz aus Thüringen. Und was besonders bemerkenswert ist: Bei Wahlvorhersagen lagen die Newcomer aus Erfurt mit ihren Befragungs-Methoden oft genauer am tatsächlichen Wahlergebnis als die alteingesessenen Demoskopen und erfragten maßgebliche politische Trends bundesweit als Erste. Für Hermann Binkert, dem geschäftsführenden Gesellschafter von Insa-Consulere, ist das kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen: Er will mit seinem Unternehmen weiter im Markt wachsen.

„Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen den Medien und uns Meinungsforschern“,

sagt Hermann Binkert, der gläubige Katholik, sonntägliche Kirchgänger und Vater von vier Kindern, in seinem eher spartanisch und keinesfalls luxuriös eingerichteten Büro in der Erfurter Arndtstraße. Hinter ihm an der Wand ein Kruzifix, an der Seitenwand ein Porträt mit Widmung von Helmut Kohl: „Medien veröffentlichen Meinungen und wollen sie manchmal auch machen, gute Demoskopen spiegeln lediglich die öffentliche Meinung.“

Wenn Meinungsforscher bestimmte Mehrheitsverhältnisse in Umfragen feststellten, bedeute dies nicht, dass solche Mehrheiten auch die objektiv richtigen oder von ihnen empfohlenen seien.

Aber Umfragen zeigten die gesellschaftliche und politische Realität in dem Moment, in dem sie gemacht würden. Und nicht immer seien Umfrageergebnisse mit statistischen Erkenntnissen in Einklang zu bringen. Binkerts Lieblingsbeispiel: Statistisch komme es 52 Mal häufiger vor, dass Menschen durch einen Blitzschlag ums Leben kommen als nach einer Lebensmittelvergiftung. Demoskopisch jedoch sind die allermeisten Befragten absolut sicher, dass das Risiko, durch verdorbene Lebensmittel tödlich vergiftet zu werden erheblich höher sei, als vom Blitz getroffen zu werden.

Wie hängen also Umfragen und Wahrheit zusammen?

Binkert: „Auch eine statistisch widerlegbare Auffassung ist eine wahre Stimmung in der Bevölkerung – und muss ernst genommen werden. Wir wollen wissen, wie die Leute ticken.“

Binkert hat das Markt- und Sozialforschungsinstitut Insa-Consulere im November 2009 gegründet.

In der Thüringer CDU-Landesregierung von Dieter Althaus war Binkert noch Staatssekretär in der Staatskanzlei gewesen und saß damit im Zentrum der Thüringer Regierungsverantwortung. Doch plötzlich musste sich der CDU Politiker, der wohl nicht nur wegen der notwendigen parteipolitischen Neutralität in seiner neuen Aufgabe aus der CDU ausgetreten ist, nach einem neuen Betätigungsfeld umschauen, nach 18 Jahren im öffentlichen Dienst. Althaus´ Nachfolgerin Christine Lieberknecht hatte keine Verwendung mehr für Binkert und versetzte ihn in den einstweiligen Ruhestand. „Damals war das ein unerwartetes Ende, doch aus heutiger Sicht war es ein Glücksfall: Sonst gäbe es INSA nicht.“ Binkert begann seine Beratung und Marktforschung mit einer Handvoll Mitarbeitern in beengten Räumlichkeiten in der Nähe des Erfurter Hauptbahnhofs. Heute hat Insa-Consulere eine Kernmannschaft von rund 80 festangestellten Mitarbeitern, darunter zehn wissenschaftliche Mitarbeiter und etwa 70 Interviewer, meistens in Teilzeit-Beschäftigung. Der Sitz des Instituts ist in der Arndtstraße, am Rande Erfurts, ganz in der Nähe einiger Landes-Ministerien und nicht weit entfernt vom Landtag. In Brüssel und Berlin unterhält das aufstrebende Unternehmen Servicebüros. Insa-Consuleres Entwicklung seit 2009 war rasant. Zunächst als reines Beratungsinstitut gegründet, hat es sich, so heißt es in einer Eigenwerbung, heute „zu einem Full-Service-Markt und Sozialforschungsinstitut weiterentwickelt, das alle Leistungen im Zusammenhang mit empirischer Forschung nicht nur anbietet, sondern auch selbst durchführen kann“.

Seit 2012 verfügt Insa-Consulere mit dem sogenannten Cati-Labor über ein eigenes Feldmangement.

Somit kann das Unternehmen für seine Kunden aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ein breites Spektrum empirischer Studien anbieten, neben qualitativen und quantitativen Marktforschungsstudien besonders politische
Umfragen. So werden jede Woche von Erfurt aus 2000 repräsentativ ausgesuchte Bürger für den deutschlandweiten Meinungstrend befragt. Wer will, kann an diese Routine-Umfragen auf eigene Kosten sogenannte Omnibus-Fragen anhängen. Ein anderes Angebot des Unternehmens ist der Insa-Blitz: Innerhalb weniger Stunden können regionale und bundesweite Befragungen durchgeführt werden. Zudem kann INSA unter anderem für Unternehmen mit speziellen Zielgruppen qualitative Interviews oder Fokusgruppen-Gespräche durchführen.

Consulere…

…ist ein lateinisches Wort mit einer doppelten Bedeutung. Es steht gleichermaßen für „befragen“ und „beraten“. Für Binkert sind Befragungen indessen „kein Selbstzweck“. Meinungsumfragen sollten stets auch einen Erkenntnisgewinn mit sich bringen. Und Meinungsforscher sollten stets auch eine gute Portion Demut verinnerlichen und sich keinesfalls als Wahrheitsapostel zelebrieren. „Umfragen sind Momentstimmungen und deshalb ist es gefährlich, daraus Prognosen abzuleiten.“ Nehme man ein unwahrscheinliches Ereignis demoskopisch in den Blick, werde es leicht überbewertet, ignoriere man es, unterschätze man es. Die Konsequenz: Auch für die Meinungsforschung seien oft kleine Ereignisse mit großer Wirkung unvorhersehbar. Binkerts Beispiel: Vor der letzten Bundestagswahl schadeten den Grünen weder der Pädophilen-Skandal noch Forderungen nach Steuererhöhungen, dafür aber das „Randthema Veggie-Day“.

„Niemand in der Branche hat auf Insa gewartet, aber auch in der Meinungsforschung ist Wettbewerb sehr notwendig“, urteilt Binkert selbstbewusst über die Rolle seines Aufsteiger-Institutes.

„Wir protegieren mit Umfragen niemanden – und wir verteufeln auch niemanden, ich rede niemanden schlecht und ich mache für niemanden Werbung“, umschreibt er sein Berufs-Credo. Vorwürfe, auch aus den Reihen unter Druck geratener Mittbewerber, Binkert stehe der AfD nahe, konnte er schnell entkräften. Binkert: „Wir hatten die AfD in unseren Umfragen schwächer als ihr tatsächliches Wahlergebnis.“ Auch aus der CDU sei er des Öfteren kritisiert worden, in Umfragen bei Insa käme die Partei zu schlecht weg. Tatsächlich aber habe die CDU dann bei den Wahlen meistens noch schlechter abgeschnitten als in den Insa- Umfragen. So war es auch bei der letzten Landtagswahl in Thüringen. Aber Umfragen seien kein „Wünsch-dir-was-Spiel“ und Binkert pocht auf seine Unparteilichkeit: „Ich war schon in den Bundesgeschäftsstellen aller Parteien, die vermutlich im nächsten Bundestag sitzen werden.“

Binkert ist stolz darauf, dass Insa sich nicht auf eine Erhebungsmethode einengt oder nur eine Methode bevorzugt.

So führt Insa nicht nur Telefonbefragungen im eigenen Telefonlabor durch, sondern nutzt auch unterschiedliche Panel mit jeweils 200.000 und mehr Probanden, aus denen alle möglichen gesellschaftlichen Querschnitte zusammengestellt werden können. Binkert: „Online-Befragungen sind schneller, ehrlicher und günstiger, weil die soziale Erwünschtheit bei den Antworten eine geringere Rolle als bei Telefonbefragungen spielt.“ Der klare Vorteil von Insa sei, „dass wir mit unserem Methodenmix belastbarere Ergebnisse bekommen“. Auch deswegen, so Binkert, wurde Insa 2017 in Essen von Ranga Yogeswhar als Innovationsführer der mittelständischen Wirtschaft (TOP 100) ausgezeichnet.

Bei politischen Umfragen verweist Binkert auf eine bemerkenswerte Erfolgsbilanz.

So habe Insa als erstes Meinungsforschungsinstitut die Grünen in Baden-Württemberg vor der CDU gesehen und als einziges Institut in Mecklenburg-Vorpommern die AfD vor der CDU. Binkert: „Bei den Berliner Wahlen war unsere Vorwahl-Befragung genauer als manches Ergebnis der Nachwahlbefragungen und als erste haben wir in Rheinland-Pfalz die erfolgreiche Aufholjagd von Manuela Dreyer (SPD) gegen Julia Klöckner (CDU) registriert.“ Binkert verweist auf seine Unabhängigkeit vom Bundespresseamt. Jedes Jahr werden durch Regierungsaufträge siebenstellige Millionenbeträge an Steuergelder an bestimmte Meinungsforschungsinstitute aufgeteilt.

Jede Woche erfragt Insa den Meinungstrend inklusive Sonntagsfrage für die Bild-Zeitung und führt häufig Umfragen für die Superillu oder den Focus durch.

Auch für die Zeitungen der Mediengruppe Thüringen (TA,TLZ und OTZ) befragt Insa regelmäßig die Thüringer.

Und wie geht die Bundestagswahl aus?

Die CDU/CSU werde sicher die stärkste Fraktion stellen. Aber so sicher, „wie manche das darstellen“ ist das Ergebnis für Binkert nicht. 40 Prozent derjenigen, die sicher zur Wahl gehen würden, wollten das vor allem tun, damit Merkel nicht im Amt bleibe. Und Merkel sei in Umfragen zwar die beliebteste Politikerin, gleichzeitig aber auch bei der umgekehrten Frage nach dem unbeliebtesten Politiker so ziemlich die unbeliebteste. Politische Stimmungen kippten heute immer schneller, wie die jüngsten Landtagswahlen, aber auch die Brexit-Entscheidung in Großbritannien oder der Schulz-Hype gezeigt hätten. Und ein Viertel der Befragten wisse noch immer nicht, welche Partei sie am 24. September wählen wolle. „Ich bin kein Prophet“ und „Sicher ist nur der Tod, pflegte meine Oma zu sagen“, sind Binkerts Lieblingsumschreibungen für die demoskopische Rest-Unsicherheit.

Insgesamt machen politische Umfragen nur ein Fünftel des Insa-Geschäftsvolumens aus.

Die meisten Befragungen geben Wirtschaft und Verbände in Auftrag. BDI, AOK, PKV, Barmer, RWE oder Lotto sind Binkerts Kunden. Unternehmen wollen wissen, wie ihre Produkte ankommen, wer warum den Stromanbieter wechseln will oder wer mit der Marke seines Autoreifens nicht mehr zufrieden ist. Insgesamt ist der jährliche Umsatz des Insa-Institutes auf mehr als eine Million Euro gestiegen. Insa ist eines der ganz wenigen Familienunternehmen in der Branche. In die Politik zieht es Binkert heute nicht mehr zurück. „Unternehmer zu sein ist eine große Herausforderung und viel schwieriger, als man sich das vielleicht in Sonntagsreden vorstellt. Aber es ist auch eine große Genugtuung, etwas erreicht, Neues entwickelt und Arbeitsplätze geschaffen zu haben.“

Interview: Bernd Hilder + Fotografin: Karina Heßland