Kampf um die Fußballherrschaft

Kampf um die Fußballherrschaft

Jena und Erfurt: Die gepflegte Fuball-Feindschaft

Das Datum für das Gipfeltreffen des Thüringer Profi-Fußballs steht fest. Von zigtausenden Fußballbegeisterten ungeduldig erwartet, prallen die beiden Thüringer Erzrivalen FC Carl Zeiss Jena und Rot-Weiß Erfurt am 9. September, dem 7. Spieltag der 3. Liga, aufeinander. Aufeinanderprallen werden dann auch die Fans beider Vereine, von denen sich viele in gepflegter gegenseitiger Abneigung verbunden sind. Doch woher kommt die traditionelle, jahrzehntelange Feindschaft der beiden Kontrahenten? Eine Spurensuche in der Historie beider Vereine.
Einen Tag vor der 100. Pflichtspielbegegnung der beiden Vereine im Thüringenpokal herrschte in Weimar Ausnahmezustand. Am Abend des 27. Mai 2016 trafen sich etwa 100 gewaltbereite Fans aus den Ultra-Gruppierungen des FC Carl Zeiss Jena und des FC Rot-Weiß Erfurt an der katholischen Kirche in der Klassikerstadt zur Massenprügelei. Es war sportlich das bislang letzte Aufeinandertreffen der Erzrivalen, die sich gerade über die Feindschaft gegenüber dem jeweiligen Gegner mit ihrem Verein identifizieren. Diese mal scherzhaft, mal mit handfesten Argumenten ausgetragene Abneigung wurde von der Anhängerschaft seit jeher zelebriert. Der Ursprung dieser Scharmützel begründet sich jedoch nicht (nur) in der sportlichen Bedeutung beider Clubs für den Thüringer Fußball und mit der räumlichen Nähe zueinander, sondern vor allem in der Sportpolitik der 60er und 70er Jahre.

FCC: Mit Wissenschaft und Geld zum Erfolg

Dr. Michael Kummer hat das Verhältnis der beiden Vereine zu DDR-Zeiten in seiner Doktorarbeit erforscht, die in Auszügen bei der Landeszentrale für politische Bildung unter dem Titel „Die Thüringer Fußballclubs in der DDR – Der Wettkampf der Privilegien“ verfügbar ist. Er fand heraus, dass das Auseinanderdriften
beider Vereine vor allem ab 1958 mit der Berufung vom Sportwissenschaftler Georg Buschner zum Cheftrainer von SC Motor Jena, wie der Club damals noch hieß, stark befördert wurde. „Er intensivierte durch ausgeprägte Netzwerke die Zusammenarbeit mit dem in unmittelbarer Nähe gelegenen Institut für Körperkultur der Universität Jena, wo bereits seit den 20er Jahren versucht wurde, Trainingsmethoden zu verbessern. Der damalige Sportclub Motor Jena war somit die erste DDR-Mannschaft, bei der der Trainingsbetrieb verwissenschaftlicht wurde. Der Schwerpunkt lag auf Verbesserung der Athletik, der Kondition und der Sprintfähigkeit – nicht auf Technik und Taktik“, so Michael Kummer. Die Mannschaften waren als Betriebssportgemeinschaften und später als Sportclubs beziehungsweise Fußballclubs eng mit ihren Trägerbetrieben verbunden. So finanzierte der VEB Carl Zeiss in Jena sowie der VEB Optima in Erfurt mit Geldern aus der Kasse des FDGB den
Spielbetrieb und hatte die Spieler unter Vertrag, offiziell als Betriebsmitarbeiter. „Inoffiziell wurde jedoch bei beiden Vereinen für die besten Spieler ein 2. Monatsgehalt aus der Gewerkschaftskasse gezahlt. Das war illegal. Aber so gab es Anfang der 60er Jahre quasi die ersten Profi-Fußballer in der DDR – noch bevor das in der Bundesrepublik der Fall war“, schmunzelt Geschichtslehrer Michael Kummer. Auch hier stellte sich ein weiterer Wettbewerbsvorteil heraus: Der VEB Carl Zeiss verfügte über größere finanzielle Möglichkeiten als die Erfurter Konkurrenz und war stets bemüht, verdienstvolle Spieler durch die Eingliederung
in höhere Lohngruppen an den Verein zu binden. Privilegien wie Kühlschränke, Autos oder günstige Eigenheime waren Anreize für Spieler anderer Vereine, langfristig nach Jena zu einer Mannschaft zu wechseln, die bald auch große sportliche Erfolge feiern sollte. In der Saison 1961/62 erreichte das Team das Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger, 1962/63 gewann es die erste von insgesamt drei DDR-Meisterschaften. Das Problem: Spielerwechsel durften eigentlich nur innerhalb des eigenen Bezirks von den Betriebssportgemeinschaften zum Sport- oder Fußballclub erfolgen. Doch an diese Auflage hielten sich nicht alle Clubs. Und so „wilderten“ die Saalestädter seit jeher auch beim Konkurrenten im Bezirk Erfurt. „Spätestens die Wechsel von Rüdiger Schnuphase 1976 und Lutz Lindemann 1977 nach Jena haben das Fass bei den Erfurter Fans zum Überlaufen gebracht. Es hat sie einfach tierisch genervt, dass der FC Carl Zeiss Jena immer wieder ankam wie der ‚reiche Onkel aus dem Westen‘ und die besten Spieler weggeholt hat“, so der bekennende RWE-Fan Michael Kummer. Und er hat seine eigene
Begründung dafür, warum sein Herz für Rot-Weiß schlägt: „Es ist ein drittklassiger Verein mit zumeist drittklassigen Spielern. Aber genau dieses Mittelmaß macht ihn auch liebenswert. Große Erfolge werden anderswo gefeiert, aber dann ist es auch nicht schwer, Fan zu sein. Und als gebürtiger Erfurter gibt es mit dem FC Rot-Weiß natürlich nur eine Mannschaft, die es zu unterstützen gilt – alles anderes verbuche ich mal unter ‚Modefan‘.“

Radikalisierung mit dem Systemumbruch

Einer, der seit 1974 regelmäßig als Zuschauer zu den Heimspielen ins Ernst-Abbe-Sportfeld geht, ist Matthias Stein. Der Leiter des Jenaer Fanprojekts ist eigentlich Pädagoge, kann aber seine Liebe für den FC Carl Zeiss Jena nicht verleugnen, spätestens, wenn er die Landeshauptstadt als „preußische Enklave“ bezeichnet. Ein Gespräch mit ihm gleicht einer Geschichtsstunde über Fankultur. Er beobachtet einen Wandel unter den Fans bereits seit Ende der 70er Jahre. „Bei meinem ersten Auswärtsspiel im Steigerwaldstadion 1978 standen die Fans des FCC und von Erfurt in nebeneinander liegenden Blöcken – und nur durch ein
paar Volkspolizisten voneinander getrennt“, erinnert sich der 53-Jährige. „Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.“ Zu DDR-Zeiten blieb es meistens nur bei verbalen Scharmützeln, wenn beide Vereine aufeinandertrafen. Diese sind auch bis heute erhalten geblieben. „Beschimpfungen aus der Tierwelt oder der Fäkalsprache haben eine lange Tradition in den Fangesängen beim Fußball. So hört man bis heute ‚Scheiß-Jena‘ oder ‚Schweine-RWE‘ aus den Fanblöcken. Und das ist auch gut so, denn Fußball lebt auch von den Fans im Stadion, ihren Emotionen und ihrer Identifikation mit dem Verein. Wenn aber Homophobie und Rassismus oder in einem konkreten Fall Antisemitismus (‚Juden-Jena‘) oder gar körperliche Auseinandersetzungen dazukommen, ist eindeutig eine Grenze überschritten“,
so Stein. Und das war spätestens mit der untergehenden DDR der Fall: Bereits seit Mitte der 80er Jahre machten sich westliche Fankulturen wie die Hooligan-Szene mit zivilem Dresscode und auch „Randaletouristen“ aus den alten Bundesländern das zunehmende Machtvakuum zunutze und begannen die Stadien der Vereine der DDR-Oberliga zu füllen, die zunehmend mit Besucherschwund zu kämpfen hatten. Nach der Wende war das vor allem ausbleibenden sportlichen Erfolgen geschuldet. Der FC Rot-Weiß Erfurt spielte seit der Saison 1994/95 nur drittklassig (von einem einjährigen Intermezzo in der 2. Liga abgesehen), der FC Carl Zeiss Jena stieg 1997/98 aus der 2. Bundesliga ab und wurde mit der Saison 2001/2002 sogar viertklassig. „In diesem Zeitraum gründeten sich auch die Ultra-Bewegungen
beider Vereine, die ihre Vereine mit Zettelchoreographien, Doppelhaltern, Gesängen oder damals noch offiziell abgesegneten bengalischen Feuern unterstützten. Die Erfordia Ultras oder auch die ‚Horda Azzuro‘ vom FCC gingen sogar so weit, die eigenen Fans auf die Schippe zu nehmen. Das Motto war oftmals: Das Stadion ist so tot, wir müssen die anderen provozieren, um für Stimmung zu sorgen“, so Stein. Und auch wenn sich beide Mannschaften über viele Jahre im Spielbetrieb der dritten oder vierten Liga aus dem Weg gingen – das Derby fand wenn, dann nur im Aufeinandertreffen im Thüringenpokal statt – wurde die Feindschaft weiter zelebriert. Auf einem Aufnäher von Fans des FC Rot-Weiß Erfurt aus den 90er Jahren zerquetscht ein tasmanischer Teufel das Logo des verhassten Vereins, im seit
1998 bestehenden FCC-Fanzine „Die dicken Kinder von Jena“ ist „die verbotene Stadt“ Erfurt auf einer Karte mit Bombe und Totenkopf markiert. „Viele Fans von heute haben die Feindschaft schon mit der Muttermilch mitbekommen ohne zu wissen, wo die herkommt. Aber es gibt – bei allem Respekt gegenüber den anderen Vereinen – für beide Mannschaften auch keinen anderen Derby-Gegner“, so Matthias Stein.

Vom Fremden zum Heimkehrer

Trotz der Rivalität gab es auch nach der Wende weiterhin Wechsel von Spielern zwischen beiden Vereinen, insgesamt 22 an der Zahl. Unter ihnen: Torsten Ziegner, der von 1991 bis 1998 beim FCC aktiv war, bevor er über Umwege von 2001 bis 2003 bei RWE unter Vertrag stand und danach wieder an die Saale wechselte. Die Jenaer Fans haben ihm das schnell verziehen. Zu unserem Gesprächstermin um 8 Uhr morgens am Ernst-Abbe-Sportfeld wird er von wartenden FCC-Anhängern
um ein gemeinsames Foto gebeten. Der 39-Jährige hatte anfangs jedoch bei den Fans beider Vereine einen schweren Stand: „Als ich bei Erfurt spielte, haben die Rot-Weiß-Fans nach einer Niederlage schnell mich als Schuldigen ausgemacht oder auch gepfiffen, wenn ich ein Tor geschossen habe. Das hatte nur noch mit Befindlichkeiten zu tun und hat für mich im Sport nichts verloren. Als ich zurückkehrte nach Jena, konnte ich die Fans nach anfänglichem Grummeln, was ein ehemaliger Spieler aus der ‚verbotenen Stadt‘ hier zu suchen habe, durch Leistung überzeugen. Dabei habe ich die Jenaer Fans als sehr viel toleranter wahrgenommen.“ Bis heute wohnt Ziegner in Jena, arbeitet aber als Trainer beim FSV Zwickau, einem Kontrahenten für den FC Carl Zeiss Jena und den FC Rot-Weiß Erfurt in der laufenden Saison in der 3. Liga. Hat er noch eine Rechnung offen? „Nein. Ich habe ein sehr gutes freundschaftliches Verhältnis zu den Verantwortlichen beider Clubs. Aber wenn ich gegen die Vereine spiele, will ich natürlich gewinnen, ganz klar.“ Wer beim anstehenden Thüringer-Derby gewinnt, wird sich zeigen. Fest steht aber, dass der FC Rot-Weiß Erfurt und der FC Carl Zeiss Jena wieder die Fans hinter sich haben werden, die ordentlich Spott für den gern gehassten Gegner mit im Gepäck haben.

Autor: Lutz Granert + Fotografen: Lutz Granert, Maik Ehrlich