Böhlen: Auszeit in der Provinz

Böhlen: Auszeit in der Provinz

Erholung in der alten Thermometerfabrik

Die alte Fabrik in der Ortsstraße 129 in Böhlen ist ein Experiment mitten im Thüringer Wald, ein Ort für Großstadtmüde und Kunsthungrige aus ganz Deutschland. Sie verbringen die Juli-, August- und Septemberwochen in der Sommerakademie – Linsensuppe inklusive.

Wen der Alltag mürbe macht, der geht ins Kloster.

Oder er geht nach Böhlen. Für einen Kunsturlaub, für eine Stadt-Auszeit mitten in der Ländlichkeit des Thüringer Schiefergebirges. Böhlen, das ist ein Ort, der erst einmal gefunden werden will auf einer Landkarte. Dreizehn in Kurven gelegte Kilometer Landstraße von Ilmenau entfernt, ohne Auto kaum mehr zu erreichen. Ein Geheimort und doch auch wieder nicht, seit sogar die FAZ in einer Reportage von Böhlen geschwärmt hat, diesem hoch gelegenen Flecken Erde zwischen Langer Berg und Schwarzatal.

Hier, wo die Häuser schuppige Schiefergewänder tragen, sind Autos selten und der Internetempfang launisch.

Vor allem aber gibt es hier eine Insel, wie Eingeweihte die ehemalige Thermometerfabrik in der Ortsstraße 129 gerne nennen. Ganzjährig ein alternatives Tagungshaus, öffnet hier in den Juli-, August- und Septemberwochen die Sommerakademie. Seit 1992 schon. Wer hierher kommt – und viele kommen über die Jahre immer wieder –, hat irgendwann einmal einen Tipp erhalten. Im Grafikkurs in der Volkshochschule vielleicht. Oder in der Kaffeepause während eines Meetings. In Böhlen treffen der Unternehmensberater aus Berlin, die EU-Mitarbeiterin aus Brüssel und der Ruheständler aus Konstanz aufeinander. Manch einer kommt mit viel Material im Gepäck, mit bunten Bögen von Wachspapier oder Blumendraht, andere haben den Kopf voller Ideen, die umgesetzt werden wollen. Wieder andere warten einfach mal ab, was passiert, welche Einfälle sich in den Workshops, Unterrichtsstunden oder bei den freien Arbeitsaufenthalten entwickeln. Ein Versuchen ohne Zwang und ohne Ablenkung.

Ohnehin gibt es hier auf der Insel weder richtig noch falsch.

Und schon gar keine Leistungsschau. Höchstens ein wenig zur Schau gestellte Anti- Konformität, wenn dicke Wollsocken über die Riemchen von Flipflops quellen. Zusammen mit den Kittelschürzen der Küchenfrauen im DDR-Blumendekor und dem Geruch von Linsensuppe mit Salbei ergibt das einen eigenwilligen Charme aus Ferienlager für Erwachsene und Atelier- Abenteuer. Ein Konzept, das klingt wie frisch am Marketing-Reißbrett der Auszeit-Industrie erfunden, wenn es nicht schon 26 Jahre alt wäre.

Entwickelt hat es Christoph Goelitz, der Urenkel des Fabrikgründers.

Einer, der fortgegangen ist aus seinem Heimatort und dann nach der Wende immer wieder kam. Er hat einen Ort, der nicht mehr in die Zeit passte, vor Leerstand und Verfall bewahrt. Er hat aus ihm einen Kulturort mitten im Dorf gemacht, einen mit Mehrwert. Die Gäste der Sommerakademie wollen versorgt und beherbergt werden, das füllt die Fremdenzimmer und gibt einigen Frauen Arbeit, die beim Trägerverein angestellt sind. Es gibt auch einen kulturellen Mehrwert – Lesungen, Konzerte, Ausstellungen oder Kinoabende locken Kulturpublikum und Neugierige. Welche Mühe es bereitet, dieses Angebot von Obertongesang bis zur Schreibwerkstatt Jahr um Jahr zu erneuern, die über hundertjährigen Gebäuden zu erhalten, eine Balance zu finden zwischen Einfachheit und Standards bei Beherbergung und Kursbetrieb, das müssen die Gäste nicht wissen. Sie müssen nicht erfahren, wann das Blech Rhabarberkuchen gebacken wurde und wer noch schnell die Sahne frisch geschlagen hat. Und je weniger sie bemerken, wie bedacht die Ästhetik des Ortes gestaltet ist, wie Fabrik-Erinnerungen und Kunstplakate sich scheinbar zufällig zueinander fügen – desto besser.

„Böhlen ist ein Ort, an dem man Luft holen und nachts das Fenster offen lassen kann“,

sagt Tatjana Charina aus Frankfurt am Main, die ihre Sommer-Auszeit probend mit ihrem Kammermusik-Ensemble verbringt. Sie fügt hinzu: „Es wäre schön, hier zu leben.“ Christoph Goelitz kennt solche Sätze, aus Gesprächen und aus den Umfragen unter den Teilnehmern. Diese Ruhe, das gute Essen und bloß nicht aufräumen. Mit dem Aufräumen wäre es geschehen um die Atmosphäre des Ortes, die Kulisse für den Kunst-Sommer.

Das routinierte Arbeiten im Hintergrund dieser Kulisse wird allerdings schwieriger.

Projektförderung gibt es noch, aber die Projektmanagerstelle von Christoph Goelitz ist von 40 auf 30 Wochenstunden gekürzt worden, dann weiter auf 20 Stunden und nun ganz gestrichen. Es wird sich wohl etwas ändern auf der Insel, auch weil der 64-Jährige immer lauter ans Aufhören denkt. Ein Nachfolger wird gesucht, der keinen Insel-Koller bekommt, wenn der Sommer lang wird und irgendwann vorüber ist.

www.sommer-akademie.com

Autorin: Susann Winkel + Fotografin: Manja Reinhardt